Fragen und Antworten zu Chemtrails (54 / 56)

Geoengineering, Wettermanipulation, Chemtrails, Aufklärung

Global March Against Chemtrails And Geoengineering

Auf der rechten Seite sind die Poster zur Ankündigung der Chemtrail-Demos 2015 und 2016 zu sehen. Was fällt auf? Richtig: 2016 fehlt das Wort „Chemtrails“.

Dies ist nicht zufällig so, sondern das ist eine Strategie der Chemtrail-Gläubigen, die im deutschsprachigen Raum vor vier bis fünf Jahren begonnen (bzw. reaktiviert) wurde und mit der gleichzeitig eine qualitative und damit auch quantitative Veränderung in der Chemtrail-Verschwörungstheorie stattfand und stattfindet.

2004 schwappte die Chemtrail-Verschwörungstheorie massiv in den deutschsprachigen Raum (PDF). Damals hieß es, die Kondensstreifen, die man länger beobachten kann, seien vorsätzlich ausgebrachte Chemtrails - chemische Streifen. Eigentlich war der Kern der Verschwörungstheorie, dass diese Streifen Geoengineering seien, eine Methode um die Sonneneinstrahlung zu behindern. Dazu fehlte im deutschsprachigen Raum jedoch noch Material, so dass alle möglichen Ziele benannt wurden - Reduzieren der Menschheit, Verstecken von Phänomenen am Himmel usw. Auch Wettermanipulation wurde als mögliches Ziel von Anfang an ins Spiel gebracht - schließlich gab es damals schon Fotos von entsprechendem Gerät und Einsätze, wie zum Beispiel in unseren Regionen die Hagelflieger.
Als Bestandteile wurde alles Mögliche genannt - angefangen von Aluminium bis hin zu Blutkörperchen; alle möglichen körperlichen Probleme ließen sich so auf die vermeintlichen Chemtrails schieben. Grob umrissen kann man die Leute, die in der Zeit von ca. 2004 bis vor ein paar Jahren in unseren Regionen an Chemtrails glaubten, als Spinner, Wichtigtuer oder Personen, die Schuld für eigenes Versagen auf alles andere schoben, bezeichnen - Ausnahmen bestätigten natürlich diese Regel. So wird auch heute oft noch die Verschwörungstheorie definiert.

Immer mehr beschäftigte sich jedoch die Forschung mit den Fragen des Klimawandels. Resultierend daraus, dass ein Stoppen der Erwärmung möglicherweise nicht so einfach sein würde, wurde ein Zweig der Forschung massiv intensiviert - die Frage, wie kann man die Erwärmung manuell begrenzen? Dazu wurden im Rahmen des Geoengineering verschiedene Methoden entwickelt, unter anderem das Solar Radiation Management (SRM) als vorsätzliche Behinderung der Sonneneinstrahlung. Viele Wissenschaftler weltweit beschäftigten sich mit diesem Thema; es gab immer mehr auch im Deutschen Veröffentlichungen und das selbst bis in den Boulevardbereich hinein. In den USA fand die intensivere Diskussion dazu bereits nahezu zeitgleich mit dem Aufkommen der Chemtrail-Verschwörungstheorie statt. Sicher auch oder gerade deswegen wurde bei der Chemtrail-Verschwörungstheorie Geoengineering von Anfang an als Ziel der Streifen benannt.

Dies bekamen natürlich auch hier die Chemtrail-Gläubigen mit: Abschattung am Himmel? Streifen am Himmel? Damit war klar: Es muss einen Zusammenhang geben. Die Streifen müssen mit diesem Geoengineering zu tun haben.

Daraus ließ sich auch gleich eine hier neue Methode entwickeln (bzw. die originale aus Nordamerika anpassen), um neue Anhänger zu finden. Und so las man zunehmend: Seht mal, was Wissenschaftler und Regierungen über Geoengineering schreiben! Seht ihr am Himmel die Streifen?
Wohlgemerkt: nicht Wettermanipulation, sondern Geoengineering. In den alten deutschsprachigen Quellen (Gutemann, Altnickel usw.) war das aus dem englischen Bereich zwar bereits übernommen; mangels Material jedoch mehr oder weniger unauffällig.

Da das Geschehen am Himmel für die meisten Personen eher abstrakt ist, konnte man so jetzt vor allem über den Kommentarbereich bei facebook erste Aufmerksamkeit und damit Kontakte mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie schaffen, ohne diese gleich zu benennen. Nun konnte man noch so viel Physik gehabt haben; nun konnte man noch so sehr studiert haben - es gab und gibt offizielle Veröffentlichungen zum Geoengineering, was man deshalb eben nicht als Spinnerei abtun konnte. Man konnte und kann in Diskussionen regelrecht verfolgen, wie auch Personen Kontakte zu Verschwörungstheoretikern fanden und finden, von denen man es nicht erwartet hätte. Und selbst in Wetterforen kam es schon vor, dass Leute auf einmal von „Chemtrails“ statt von Kondensstreifen schrieben - ganz ohne Verschwörung, ist halt so. Geoengineering eben. Andere - und das ist ja das Ziel der Verschwörungstheoretiker - kamen dann zu den Verschwörungen.

Diese neuen Anhänger der Verschwörungstheorie sind jedoch nicht mehr die Spinner von gestern, es ist eine neue Qualität. Es sind einfach nur Leute, die sich am Himmel nicht auskennen und denen es nicht einfällt, mal ihre methodische Kompetenz zu verwenden. Das Wiederholen der Behauptung, alle Chemtrail-Gläubigen seien Spinner, macht die Behauptung also nicht wahrer. Und die Aufforderung, sich mal mit Physik zu beschäftigen, ist relativ sinnfrei, wenn man sich auf offizielle Dokumente namhafter Institute und von Regierungen bezieht.

Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Entwicklung hinsichtlich der Poster zu den Chemtrail-Demos zu sehen. Man möchte weg vom offensichtlichen Ruf der Spinner - hin zu dem, was die Leute ganz offiziell in den Medien mitbekommen. Und da sind Geoengineering und Wettermanipulation präsent. Man zeigt hier also, dass man gegen etwas kämpft, was offensichtlich tatäschlich existiert und vermeidet dazu den Begriff „Chemtrails“. Hat man so erste Kontakte geknüpft, kann man dann immer noch überleiten zu den Verschwörungen. Das wird man dann bei den Quellen finden, die u. a. bei der Demo genannt werden. Deshalb ist es eben auch nicht mehr der GMACAG, sondern der GMAG.

Diese Entwicklung kann man auch in Diskussionen bei Veröffentlichungen feststellen, beispielsweise bei Fotos vom Himmel, bei Beiträgen des Umweltbundesamtes usw. Die Chemtrail-Gläubigen fallen nicht mehr mit der Tür ins Haus und brüllen „Das liegt an den Chemtrails!“, sondern sie fangen mit Geoengineering an. Aus den genannten Gründen.

Wenn wir also den Einstiegspunkt der Verschwörungstheorie isoliert betrachten, sind die Aussagen gar nicht mal unrealistisch. Man möchte gegen Geoengineering kämpfen, das ja tatsächlich in der Diskussion ist und man möchte etwas gegen Wettermanipulation unternehmen, die ja wirklich versucht wird. Nur dienen diese Aussagen ausschließlich dem Fangen weiterer Anhänger der Verschwörungstheorie.

Leider ist es jedoch so, dass auch in Veröffentlichungen zur Verschwörungstheorie, in Online- und Printmedien sowie in Dokumentationen, viel Müll erzählt wird. Die Autoren zeigen mit beständiger Regelmäßigkeit, dass sie selbst nicht verstanden haben, worum es geht. Sie beziehen sich auf Momentaufnahmen, die sie durch ein paar Zitate bei den Chemtrail-Gläubigen gefunden haben. Sie nehmen sich Aussagen, die aus der temporären Phase mangels Material zum Geoengineering entstanden sind; sie verwenden möglichst lustige Aussagen aus Fremdeinflüssen in die Verschwörungstheorie (aus esoterischen, „Reichsbürger“- und anderen Bereichen), die jedoch gar nicht der Kern der Verschwörungstheorie sind. Sie nehmen alte Methoden, ohne die Entwicklungen zu berücksichtigen. Sie kennen den Unterschied zwischen Wetter und Klima nicht und nennen Beispiele aus der Wettermanipulation für Geoengineering. Usw. usf. - das wird dann verallgmeinert und als Chemtrail-Verschwörungstheorie dargestellt.

Deshalb hier nicht nur für potenzielle Verschwörungstheoretiker, sondern auch für Autoren von Beiträgen über die Verschwörungstheorie, zusammengefasst die Kernpunkte:

Geoengineering

Mit diesem Begriff sind Methoden zusammengefasst, mit denen man vorsätzlich bzw. bewusst das Klima beeinflussen kann, um eine Erwärmung der Atmosphäre zu reduzieren. Dazu gehört auch das Behindern der Sonneneinstrahlung, etwa durch Ausbringungen am Himmel (u. a. Aluminiumpartikel, Schwefel). Hinsichtlich der Umsetzung sind dabei vor allem Flugzeuge und Ballons im Gespräch. Hier handelt es sich vorrangig um Studien, das Ganze ist also noch im theoretischen Bereich angesiedelt. Allerdings gab es dazu am Boden bereits Experimente, zum Beispiel zur Algendüngung, wie auch ein Experiment am Himmel (E-PEACE Eastern Pacific Emitted Aerosol Cloud Experiment).

Da die Ausbringungen, was SRM betrifft, auch oben bleiben sollen, müsste dies oberhalb der Wetterschicht passieren. Das wären bei uns also mehr als 15 km Höhe, im Gespräch sind 25 km.

Mit diesen Methoden setzt man sich weltweit auseinander. Dabei geht es nicht nur um die Wirksamkeit an sich, sondern vor allem auch um die Auswirkungen, die nicht gewünscht sind. Abgesehen von ein paar wenigen Wissenschaftlern ist man generell der Ansicht, dass Geoengineering am Himmel zu viele Risiken mit sich bringt und man es deshalb ablehnt.

Für die Verschwörungstheoretiker ist wichtig, dass man darüber redet - was dann für die der Beweis ist, dass es auch gemacht wird, die Streifen also damit zu tun haben.

Wir merken uns also: Vorsatz, Klima, Theorie, Höhe: 25 km.

Wettermanipulation

Der Name sagt es eigentlich schon - im Gegensatz zum Klima geht es hier um das kurzfristige und mehr oder weniger räumlich begrenzte Geschehen in der Atmosphäre, um das Wetter, das ebenfalls vorsätzlich beeinflusst werden soll. Dazu wird bereits vorhandene Feuchtigkeit genutzt, sie wird also nicht ausgebracht. In aller Regel sind das vorhandene Wolken, die mit Kondensationskernen (bei uns Silberjodid, möglich sind aber auch andere Salze) zum Zwecke der zusätzlichen Tröpfchenbildung geimpft werden. Deshalb liest man auch oft den Begriff „Cloud Seeding“.

Da dies in den Wolken oder direkt darüber geschieht, sieht man davon nichts (außer vielleicht das Flugzeug). Es gibt keine Streifen, keinen milchigen Himmel, nichts - die zu behandelnden Wolken sind ja bereits da.

Diese Praxis wurde und wird immer mal wieder durchgeführt. Das war in Vietnam der Fall, aber auch anderswo hat man dies zu Kriegszwecken probiert. Bekannt sind auch die versuchten Manipulationen zu Olympia in China, zu den Paraden in Moskau oder bei uns die Hagelflieger.

Die Höhe ist natürlich abhängig von den zu behandelnden Wolken. Silberjodid wird mit kleinen Flugzeugen in Aufwindbereiche ausgebracht, dabei liegt die Höhenbeschränkung schon allein beim Flugzeug. Die Partenavia P68 C-TC schafft nicht mal 6 km.

Über eine Aussicht auf Erfolg müssen wir hier nicht diskutieren, denn für die Verschwörungstheoretiker ist ausschließlich wichtig, dass es das gibt. Und da man dabei etwas ausbringt, ist das der Beweis, dass auch die Streifen von vorsätzlichen Ausbringungen stammen.

Wir merken uns also: Vorsatz, Wetter, Praxis, Höhe: max. ca. 6 km.

Kondensstreifen

Eigentlich ist es selbstverständlich, nur der Vollständigkeit halber: Klar, das ist die Feuchtigkeit, die durch die Verbrennung in Flugzeugtriebwerken oder durch Druckabfall (nicht nur, aber vor allem in den Wirbelschleppen) entsteht und in der Kälte gefriert. Sie entstehen als unerwünschte Nebenwirkung, resultierend aus der aktuellen Vielfliegerei.

Die breiten Streifen entstehen einerseits dadurch, dass die Kondensstreifen verweht werden, andererseits aber auch dadurch, dass sie Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft an sich binden und diese erst sichtbar machen. In dem Fall dienen sie also zur Wolkenbildung aus der Umgebungsfeuchtigkeit - nur ein geringer Teil des Streifens stammt vom Flugzeug selbst.

Nun sind Kondensstreifen zwar keine gefährlichen Chemtrails, ganz wirkungslos sind sie dennoch nicht. Tagsüber können sie die Sonneneinstrahlung behindern und sich auf das Wettergeschehen auswirken (bei potenziellen Gewitterlagen zum Beispiel), sonst behindern sie die Wärmeabstrahlung und sind somit klimawirksam (auch hier wieder der Unterschied: Wetter und Klima). Die aktuelle Forschung besagt, dass der zweitgenannte Effekt überwiegt - also das bewirkt, was man mit dem Geoengineering gerade verhindern will.

Wäre man bei einer Verschwörung so dumm und würde mit Streifen am Himmel etwas bewirken, was man mit Streifen eigentlich vermeiden möchte?

Wir merken uns also: unerwünscht, Wetter/Klima, Praxis, Höhe: i. d. R. 8 - 13 km.

Chemtrails

Das sind die Dinger, die entstehen, wenn man alles in einen Topf wirft und eine eigene Interpretation des Geschehens erfindet. Märchen also.

So weit eine kleine Zusammenfassung bzw. Strukturierung. Aber nicht nur die Chemtrail-Gläubigen schmeißen alles durcheinander, sondern man kann das auch in den Medien immer wieder feststellen.

So heißt es zum Beispiel gern mal: Geoengineering in dem Sinne gibt es zwar nicht, aber im kleinen Rahmen wird es schon durchgeführt, zum Beispiel bei den Hagelfliegern.
Quatsch. Das sind nicht umsonst zwei verschiedene Begriffe (Klima/Geoengineering vs. Wetter/Wettermanipulation). Mit Wettermanipulation soll das Wetter beeinflusst werden, nicht das Klima. Wobei es andersrum natürlich einen Zusammenhang geben würde - ein verändertes Klima wirkt sich auch auf das Wetter aus.

Oder: Kondensstreifen sind auch Geoengineering, weil die ja das Klima beeinflussen.
Quatsch. Kondensstreifen entstehen nicht direkt vorsätzlich (im Gegensatz zu Geoengineering), sondern als unerwünschte Nebenwirkung des Flugverkehrs. Deshalb forscht man auch intensiv daran, die zu reduzieren. Bei uns ist das DLR dabei führend, natürlich in Zusammenarbeit mit der NASA.

Insgesamt haben wir also derzeit verschiedene Faktoren, die die Chemtrail-Gläubigen für sich ausnutzen, um neue Anhänger zu finden:

Es gibt noch einen vierten Aspekt, der die Verbreitung der Chemtrail-Verschwörungstheorie begünstigt. Dieser Aspekt besteht im Auftreten derer, die sich öffentlich über die Verschwörungstheorie äußern und dabei zeigen, dass sie im Prinzip gar keine Vorstellungen haben bzw. diese Verschwörungstheorie nur aufgrund einiger ihrer Aussagen kennen und beurteilen.

Pseudo-Debunking

Teilweise gibt es in Medien sehr gute Aussagen zur Chemtrail-Verschwörungstheorie, sehr oft wird aber auch nur irgendwelcher Müll erzählt, weil man eben nur die Aussagen der Verschwörungstheoretiker als Momentaufnahmen hat, nicht aber die Entwicklungsprozesse kennt und schon gar nicht die oben genannten Zusammenhänge. Irgendwie kann man den Eindruck bekommen, dass man sich heute dazu geäußert haben muss, um sich wichtig zu machen oder anderen die eigene Erhabenheit zu zeigen - anders kann ich mir diesen Schwachsinn nicht erklären, der da teilweise von sich gegeben wird.

In der Doku Verschwörungstheorien - Leben im Wahn, die bei ZDFinfo lief, ist gleich eine ganze Sammlung dieses Quatsches enthalten, deshalb nehme ich einfach die dortigen Aussagen - die stehen stellvertretend auch für andere Veröffentlichungen. Wohlgemerkt: Hier geht es um die Chemtrail-Verschwörungstheorie - eine andere wird hier nicht berücksichtigt.

Bei 00:37 heißt es: „Keine These ist zu abstrus, als dass sich nicht doch jemand findet, der sie vertritt.

Das mag im Allgemeinen schon stimmen, kennzeichnet aber eben gerade nicht mehr die Chemtrail-Verschwörungstheorie. Natürlich gibt es noch die herkömmlichen Spinner. Aber vor allem durch die Manipulation mit Daten aus der aktuellen Forschung und der Existenz von Wettermanipulation werden in Kombination mit den sichtbaren Phänomenen am Himmel auch ganz normal denkende Menschen erreicht. Nicht umsonst glauben selbst Akademiker, wie auch die im Film vorgestellte Ria den Breejen, an Chemtrails.

Bei 01:02 wird ein angebliches Ziel der Chemtrails angegeben: „Die Regierung lässt mit Flugzeugen Chemikalien auf uns sprühen, um uns zu vergiften.

Das ist uralt und schon ewig nicht mehr aktuell, war auch nur eine Teilströmung. Der Kern der Chemtrail-Verschwörungstheorie besagt, dass Chemtrails ausgebracht werden, um Klima und (in Verwechslung damit Wetter) zu manipulieren. Alles andere ist aus deren Sicht Kollateralschaden. Nicht umsonst demonstriert man gegen Geoengineering.

01:50: „In meiner YouTube-Show „Armes Deutschland“ befasse ich mich seit Langem mit Verschwörungstheorien und Vollidioten aller Art

Es macht sich natürlich gut, Zuschauer gleich mal als „Vollidioten“ zu bezeichnen, wenn man diesen erzählen möchte, was am Himmel wirklich los ist. Wenn jemand in der Anfangsphase der Verschwörungstheorie ist, wird der-/diejenige gleich mal verschreckt und fühlt sich bei den Verschwörungstheoretikern besser aufgehoben, weil die einen besser verstehen. Wenn das die Qualität aktueller Dokus ist, sage ich auch: armes Deutschland.

Diese Richtung musste ich sehr oft erfahren. Es gab in den vielen Jahren der Auseinandersetzung mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie auch immer wieder Direktkontakte mit Verschwörungstheoretikern, auch oft in der Einstiegsphase. Die beschwerten sich sehr oft, dass mit ihnen arrogant und verletzend gesprochen wurde und sie so der Ansicht sind, dass an dem, was die anderen Verschwörungstheoretiker erzählen, doch was dran sein muss. Später tauchten sie dann in den Gruppen der Chemtrail-Gläubigen auf - wir haben sie dorthin getrieben. Schuld war die Arroganz, wie sie auch in der ZDFinfo-Doku zum Ausdruck kommt.

08:29: „Deshalb sind die total öden Kondensstreifen in ihrer Welt supergefährliche Chemiespuren - sogenannte Chemtrails - die im Geheimauftrag der Regierung versprüht werden. Das Ziel dahinter ist noch nicht ganz raus. Manche behaupten, damit wird Wettermanipulation betrieben, dass durch die Chemikalien Wolken erzeugt werden sollen, die das Sonnenlicht reflektieren und den Klimawandel aufzuhalten.

Man muss eigentlich nicht lange bei den Chemtrail-Gläubigen suchen, um festzustellen, dass die das Ziel schon klar definiert haben. Chemtrails sind für sie Geoengineering, was manche Verschwörungstheoretiker mit Wettermanipulation in einen Topf schmeißen. Die alten Ziele wie Reduzierung der Menschheit o. ä. werden nur noch relativ selten genannt und das auch eher von denen, die schon lange an Chemtrails glauben bzw. ganz tief in der Spirale der Verschwörungstheorien stecken.

Was - nebenbei bemerkt - der enttäuschendste böse Masterplan ist, den ich mir vorstellen kann.

Nichts für ungut - aber bei dieser Aussage von Herrn Anders muss ich an Dunning-Kruger denken. Wissenschaftler und namhafte Institute sowie sogar Regierungen beschäftigen sich mit Geoengineering; es ist sogar schon Bestandteil des Unterrichtes an Schulen. Was sich ein Herr Anders da vorstellen kann, dürfte denen eher egal sein. Aber es ist eben leichter und wirkungsvoller, wenn man das Ganze ins Lächerliche zieht, statt sich tatsächlich inhaltlich damit auseinanderzusetzen.

09:19: „Sie organisiert den Berliner Ableger des Global March Against Chemtrails

Und das ist eben falsch. Nicht umsonst hatte man zunächst aus Manipulationsgründen „And Geoengineering“ im Namen dieser Veranstaltung und lässt „Chemtrails“ nun sogar ganz weg. Einen „Global March Against Chemtrails“ gibt es nicht.

Im Übrigen nennt (Ma)Ria im Gespräch auch nicht den Begriff „Chemtrails“, die Gründe sind weiter oben genannt.

Bei dem Beitrag mit (Ma)Ria den Breejen wurde - nebenbei erwähnt - auch die Cherry-Picking-Methode der Verschwörungstheoretiker verwendet, indem man also das zeigte, was den Filmmachern am besten passt - wahrscheinlich das, was am lächerlichsten klang. Was Frau den Breejen im Film sagte, ist jedoch überhaupt nicht kennzeichend für das, was sie im Internet als eine Schlüsselfigur der Chemtrail-Verschwörungstheorie von sich gibt. Im Gegenteil: Sie ist Akademikerin, nicht dumm, beherrscht mehrere Sprachen und kann sich sehr gut ausdrücken, auch schriftlich. Sie ist also nicht die Durchschnittsverschwörungstheoretikerin, sondern sie gehört zu denen, die gezielt manipulieren - u. a. auch mit dem Trick mit dem Geoengineering. Bei einer richtigen Doku hätte man das gut verwenden können, um die Methoden der Chemtrail-Gläubigen aufzuzeigen. In dieser Doku hätte man hingegen jeden nehmen können, auch Mario Romanowski. Es wäre auf dasselbe herausgekommen.

Hier merkt man m. E. am besten, wie die Doku von Leuten gemacht wurde, die rein gar keine Vorstellungen von dieser Materie haben. Und das ist leider bei vielen Veröffentlichungen so.

Bei 12:59 dann das alte Klischee: „Willkommen in der Welt der Sechsjährigen, wo alle Schuld haben, nur ich nicht.

Jaja, alle Verschwörungstheoretiker sind Versager, die die Schuld woanders als bei sich selbst suchen. Dass das ständig wiederholt wird, macht es nicht wahrer. Unter den Verschwörungstheoretikern sind viele Leute, die gar keine Schuld suchen müssen - übrigens auch Ma(Ria) den Breejen nicht. Im Gegenteil, viele Neueinsteiger bei dieser Verschwörungstheorie glauben noch nicht mal an die große Verschwörung. Sie gehen einfach davon aus, dass das am Himmel das ist, was in den vielen Dokumenten zum Geoengineering beschrieben ist. Was, bitteschön, Rayk Anders, hat das mit der Suche nach irgendeiner Schuld zu tun?

Nebenbei erwähnt - das gehört nicht zu Geoengineering & Co:
In der Doku wird an dieser Stelle eine der ersten deutschen Websites zu Chemtrails gezeigt, auf der auch Bestandteile von Chemtrails und vermeintliche Folgen für den menschlichen Körper genannt wurden. Gleichzeitig nannte der Betreiber Mittelchen, die man dagegen einsetzen konnte. Suchte man nach diesen Mittelchen, landete man auf einer Website (Vitaswing), wo diese für Geld angeboten wurden. Und wem gehörte diese Website? Klar, dem Betreiber der erstgenannten Website. Es war eine clevere Methode, mit diesen vermeintlichen Chemtrail-Wehwehchen Geld zu verdienen. Ist es da nicht verständlich, dass der Betreiber die Wehwehchen auch benennt?
Und: Wurde diese Methode in der ZDFinfo-Doku genannt? Natürlich nicht. Für die Zuschauer kommt es doch viel besser, wenn man sich einfach über die angeblichen Bestandteile lustig macht. Es wäre doch zu sachlich-nüchtern, wenn Rayk Anders dieses sehr gut geeignete Beispiel genutzt hätte, um aufzuzeigen, wie man von den Chemtrail-Märchen profitiert.

Und bei 15:50 zeigt der Fragesteller, dass er auch nicht mehr Ahnung als die Verschwörungstheoretiker hat: „Was bräuchte man, um Wettermanipulation und Geoengineering auf so ’ner Skala durchzuführen?

Schaubild zur Kieler Studie 2011

Zwei komplett verschiedene Themen in einer Frage - das muss man auch erst mal schaffen. Und dann noch ein Thema, zu dem Wissenschaftler mehrere Tage am Stück diskutieren, für eine Doku mit ein paar Minuten Sendezeit.

Aber allein schon die Frage zur Wettermanipulation ist an dieser Stelle Quatsch. Die wäre bei den Hagelfliegern gut aufgehoben - aber ob und wie das funktioniert, interessiert bei der Chemtrail-Verschwörungstheorie rein gar nicht. Dort ist wichtig, dass es gemacht wird, denn das ist der angebliche Beweis für Sprühereien.

Und was bräuchte man, um Geoengineering durchzuführen? Naja, wenn man sich die einzelnen Methoden mal ansieht, dürfte das nicht in ein paar Minuten beantwortet sein.

Hauptsache, man hat eine Frage gestellt …

Das soll dazu reichen, es gäbe noch mehr Beispiele für Schwachfug. Es wäre auch kein Problem, wenn die Chemtrail-Gläubigen das nicht auch mitbekommen würden. Aber sie merken natürlich, wenn Quatsch über sie erzählt wird und auch das bestärkt sie darin, dass sie Recht haben - man erzählt Lügen über sie, wie auch über die Streifen. Derartige Pseudo-Aufklärungsversuche sind also eher begünstigend für Verschwörungstheorien, wie eben auch diese ZDFinfo-Doku. Und bei allem Quatsch, den eine Ma(Ria) den Breejen erzählen mag - wenn sie die Doku kritisiert, hat sie recht.

Wer sich nicht genauer mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie beschäftigt hat, glaubt natürlich solchen Veröffentlichungen wie dieser Doku („Ach, wie klug wir doch alle sind!“). Und so glauben Leute an Chemtrails, weil sie sich noch nie mit Kondensstreifen beschäftigt haben („Ach, wie aufgewacht wir doch alle sind!“).

Konstruktiv und aufklärend sind beide Geschichten nicht.

Zusammenfassung

Es wäre zum Thema Geoengineering, Wettermanipulation, Manipulation durch Chemtrail-Gläubige und der Auseinandersetzung damit eigentlich noch viel mehr zu schreiben. Wichtig ist jedoch zunächst, dass eine der Methoden der Chemtrail-Gläubigen dargestellt wurde und dass es vielleicht ganz günstig wäre, sich damit etwas genauer zu beschäftigen, wenn man etwas darüber mitzuteilen hat. Die Chemtrail-Gläubigen warten mit ihrer Manipulation nicht darauf, wie man auch an dem Poster von 2016 sieht.

Sehr schön wäre vor allem, wenn man bei der Aufklärung über die Chemtrails endlich mal Prioritäten setzen könnte, wozu auch die Informationen zu Geoengineering wichtig sind. Es ist sicher ganz interessant, zu wissen, wie Verschwörungstheoretiker funktionieren - wie sie selektiv alles aufnehmen, was zu ihren Vorstellungen passt. Aber das sind bereits die Personen in der zweiten Stufe der Verschwörungstheorien. Die haben sich schon von der Normalität verabschiedet; haben angefangen, ihren Tellerrand immer größer zu errichten. Die erreicht man bei der Aufklärung nur noch im Ausnahmefall. Viel wichtiger ist die erste Stufe - also aufzuklären, bevor potenziell Betroffene mit der Verschwörungstheorie in Berührung kommen, damit diese im Ernstfall gewappnet sind und mit den dortigen Informationen umgehen können. Dazu muss man einerseits die Methodik kennen, andererseits sollte man aber auch wissen, wovon man spricht. Wenn ein (auch beginnender) Verschwörungstheoretiker Wissenslücken in Aussagen oder gar Widersprüche aufzeigt, hat man verloren und braucht dem gar nichts mehr zu erklären. Dann ist es im Zweifelsfall besser, mal gar nichts von sich zu geben.

Und solche Beiträge wie der von Rayk Anders sabotieren eine ordentliche Aufklärung eben eher, weil dort selektiv gearbeitet und verallgemeinert wird. Alle Chemtrail-Gläubigen werden über einen Kamm geschoren: Chemmies = Deppen. Mit der Realität hat dies jedoch nichts zu tun.

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