Fragen und Antworten zu Chemtrails (56 / 56)

Der rote Faden

Animiert durch Florian Freistetter: Sternengeschichten Folge 219: Wetterkrieg und Wettermanipulation, einem ausgezeichneten Artikel, in dem aber sehr unglücklich ein Verweis auf die Chemtrail-Verschwörungstheorie hergestellt wurde, etwas Grundsätzliches zum roten Faden dieser Verschwörungstheorie:

Immer mehr Medien müssen sich anscheinend zum Thema „Chemtrails“ äußern, weil es gerade in ist, weil es vielleicht Klicks generieren soll - oder warum auch immer. Kennzeichnend ist dabei aber, dass man sich einfach irgendwelche Zitate aus der Verschwörungstheorie nimmt und die zu einem gewünschten Bild zusammenfügt. Die Leser sollen sich anscheinend amüsieren und es soll glaubhaft klingen. Mit der Verschwörungstheorie an sich hat das allerdings nicht viel zu tun, das sind nur ein paar äußere Erscheinungsmerkmale.

Die Verschwörungstheorie von den Chemtrails entstand in den neunziger Jahren in Kanada und in den USA. Von dort breitete sie sich zunächst vorrangig in den englischsprachigen Ländern aus, schwappte dann um ca. 2002 vereinzelt bereits in den deutschsprachigen Raum. Erst 2004 erfuhr sie auch bei uns eine große Verbreitung. Der Schweizer Gabriel Stetter veröffentlichte in der „raum & zeit“ einen Artikel, der genau das beschrieb, worum es bei der Verschwörungstheorie geht. Hier ist das Grundatzdokument als PDF: Die Zerstörung des Himmels.

Grundsätzlich ist das Dokument auch heute noch die Basis der Verschwörungstheorie, wenn es natürlich im Laufe der Zeit Ergänzungen und auch eine Änderung bei der Einstellung gegeben hat. Wer sich also mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie beschäftigt, muss dieses Dokument gelesen und auch hinsichtlich der gewollten Manipulation verstanden haben. Ein paar Zitate aus irgendwelchen facebook-Gruppen reichen nicht aus, wie wir noch sehen werden.

Das Dokument weist gleich am Anfang auf bestimmte Erscheinungen am Himmel hin. Dabei nutzt man - wie bei Verschwörungstheorien (aber nicht nur da) üblich - die selektive Wahrnehmung aus. Es werden Phänomene beschrieben, die es schon immer gibt, auf die man aber sicher im Normalfall nicht bewusst geachtet hat. Durch das Dokument macht man es aber und es fällt auf: das Genannte stimmt. Das war damals der Einstieg in diese Verschwörungstheorie.

Passend dazu wird gleich danach beschrieben: „Was steckt dahinter?“. Und hier finden wir auch die Antwort dieser Verschwörungstheorie, den zentralen Kern. Es geht aus deren Sicht um „Strategien gegen die vielfach prognostizierte Klimakatastrophe“. Die Chemtrails sollen also eine manuelle Beeinflussung des Klimas sein. Wohlgemerkt: es geht um das Klima.

Hintergrund ist, dass es tatsächlich schon lange Überlegungen gibt, wie man den durch den Menschen generierten Klimawandel einschränken könnte. Dazu gibt es verschiedene Ansätze, wie zum Beispiel Einlagerung von Kohlendioxid, damit es der Atmosphäre entzogen wird, Meeresdüngung zum Algenwachstum, weiße Oberflächen (zum Beispiel auf Dächern) zum Reflektieren der Sonneneinstrahlung usw. Und es gibt die Idee, in der Stratosphäre oberhalb der Wetterschicht Ausbringungen vorzunehmen, so dass dort bereits das Sonnenlicht reflektiert wird. Die Gesamtheit dieser angedachten Methoden nennt man Geoengineering, Geo-Engineering, Climate Engineering usw. Wenn wir also von Geoengineering reden, kann damit auch Einlagerung von Kohlendioxid (Carbon Management oder Greenhouse Gas Management) gemeint sein - es hat also nicht unbedingt etwas mit dem Himmel zu tun.

Zum Geoengineering gehört allerdings eben auch die Methode, dass Ausbringungen am Himmel vorgenommen werden können - Solar Radiation Management (SRM) genannt. Dies ist konkret bei dieser Verschwörungstheorie gemeint.

Nun muss man aber auch Beweise bringen, dass die Streifen am Himmel tatsächlich etwas damit zu tun haben. Da es sich damals aber nur um Ideen handelte, fand man rein gar nichts Praktisches dazu. Am nächsten kam dem noch das Welsbach-Patent, bei dem es wenigstens um das Thema geht. Dass ein Patent nur eine Anmeldung einer Idee ist, wissen viele Leute nicht. Und so kann man den Chemtrail-Gläubigen erzählen: Es gibt das Patent, also wird es auch gemacht. Das ist auch gleich der nächste Punkt im Dokument von Stetter.

Hier haben wir also den zentralen Kern bzw. den roten Faden dieser Verschwörungstheorie. Es geht nicht um Vergiftung der Menschheit, nicht um Bevölkerungsreduzierung, nicht um Zinsen, nicht um Wetter - oder was alles sonst so in Medien genannt wird. Es geht schon immer um das Klima, den Klimawandel und um den Einfluss des Menschen darauf. Und wer sich die Kernaussagen der Gurus mal ansieht, wird diesen roten Faden immer wieder entdecken - ob bei Gutemann, Altnickel, Storr oder Ria den Breejen. Nicht umsonst verwendet man nach außen Begriffe wie „stopgeoengineering“, „geoengineeringwatch“, „Global March Against Geoengineering“ usw. Nicht umsonst fordern die Gurus ihr Fußvolk immer wieder auf, nach außen hin über Geoengineering, statt über „Chemtrails“ zu sprechen.


Mit den Erscheinungen, den Ideen und dem Patent hörte es dann aber zum eigentlichen Inhalt dieser Verschwörungstheorie auch schon auf - es gab nichts weiter dazu. Was es aber gibt, ist die weit verbreitete Unkenntnis über Klima, Wetter, Luftfahrt und damit verbundene Themenbereiche. Also verwendete man alles, was irgendwie mit Ausbringungen am Himmel zu tun hatte oder wenigstens danach aussah, als Beweise.

Wer kennt schon den Unterschied zwischen Wetter und Klima? Die wenigsten. Aber zum Wetter findet man sehr viel. Es wurde versucht, zu Kriegszwecken zu beeinflussen, es gibt die Hagelflieger und in den USA gibt es sogar eine Firma, die anbietet, das Wetter zu beeinflussen (weathermodification.com). Und siehe da: Am Himmel wird was ausgebracht, also gibt es auch Chemtrails! Da selbst viele Medien Wetter und Klima in einem Topf schmeißen („es gibt kleinräumige Versuche zum Geoengineering wie Hagelflieger“), kann man den Chemtrail-Gläubigen auch nicht verübeln, dass sie das glauben. Das nutzt Stetter hier gnadenlos aus und das wurde im Laufe der Zeit natürlich immer weiter ergänzt. Ob Wettermanipualtion funktioniert oder nicht - das spielt dabei überhaupt keine Rolle. Dass es gemacht wird, ist für die Chemtrail-Gläubigen der Beweis. Die Frage von Rayk Anders in „Verschwörungstheorien - Leben im Wahn“, ob das funktioniert, ist also im besten Falle zum Füllen von Sendezeit sinnvoll, mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie hat das nichts zu tun. Und in einem solch guten Artikel, wie dem eingangs erwähnten von Florian Freistetter, in dem es um das Wie bei der Wettermanipulation geht, hat die Chemtrail-Verschwörungstheorie deshalb auch nichts zu suchen - es sei denn, man möchte etwas an den Haaren herbeiziehen.

Wer kennt schon all die Düsen an den Flugzeugen? Die wenigsten. Und so verwendet man alles - wie eben auch Wettermanipulation - als Beweis für Chemtrails. Ob das Firefighter sind, ob damit nach einem Hochwasser Insekten bekämpft werden, ob damit nach einer Katastrophe Öl aufgelöst wird, ob damit Luft zu Forschungszwecken aufgenommen wird - all das spielt keine Rolle. Da sind Düsen, also wird was ausgebracht. Chemtrails eben.


Eine gewisse Zeit konnte man den Eindruck haben, dass es in der Chemtrail-Verschwörungstheorie ziemlich durcheinander war. Jeder Chemtrail-Gläubige erzählte etwas anderes. Dafür gab es jedoch auch Gründe.

Die Verschwörungstheorie stammte aus Nordamerika, konkretere Aussagen zum Geoengineering gab es zuerst in den USA - also auf Englisch. Im deutschsprachigen Raum gab es jedoch zunächst überhaupt nichts zum Kern der Verschwörungstheorie. Man sah zwar am Himmel die Erscheinungen, konnte mit Geoengineering aber kaum etwas anfangen. Also brachte jeder Verschwörungstheoretiker etwas ein, wozu die Streifen gut sein könnten. Damit kamen dann auch solche Auswüchse wie Menschheitsreduzierung ins Spiel. Selbst Gurus wie Gutemann oder Altnickel erwähnten solche Ziele und Auswirkungen neben der eigentlichen Linie der Verschwörungstheorie. Die Zielgruppe sollte schließlich so groß wie möglich sein, damit es immer mehr Fußvolk wird. Und ganz nebenbei ging es teilweise auch ums Geld. Potenzielle Kunden sollten ja Mittelchen gegen die Auswirkungen von Chemtrails kaufen, also musste man auch benennen, was die Chemtrails bewirken könnten und was man auch beobachten konnte. Selektive Wahrnehmung.

Solche Abweichungen klangen natürlich teilweise sehr belustigend, so dass Medien derartige Aussagen zum Kern der Verschwörungstheorie erklärten. Darüber kann man eben mehr lachen, als über die trockene angebliche Klimabeeinflussung.

Ab ca. 2011, vor allem mit der Kieler Studie, gab es jedoch auch zunehmend im deutschsprachigen Raum Dokumente zu den Ideen des Geoengineering. Damit konnte die Chemtrail-Verschwörungstheorie wieder auf die eigentliche Linie konzentriert werden, da man ja jetzt etwas in der Hand hatte. Im Laufe der Zeit zweckentfremdeten die Chemtrail-Gläubigen dann Dokumente des Planungsamtes der Bundeswehr, der Regierung, von Forschungsinstituten usw. Besonders konzentrierten sich Storr mit „Sauberer Himmel“ und bei facebook Ria den Breejen darauf. Da aber teilweise auch andere Ziele und Auswirkungen benannt wurden, wird man die auch immer weiter bei den Chemtrail-Gläubigen lesen. Der eigentliche Kern im Sinne der Gurus bzw. der Verschwörungstheorie ist das jedoch nicht.

Neben dieser Konzentration auf die eigentliche Linie ergab sich auch eine weitere Methode. Gab es früher die Aufforderung, sich die Streifen anzusehen, als Methode zur Nutzung der selektiven Wahrnehmung, zeigt man jetzt auch auf Dokumente zum Geoengineering und drückt aus, dass man das am Himmel auch schon sieht:
- Sieh die Streifen, das ist Geoengineering!
- Sieh dir Geoengineering an, das sind die Streifen!

Wenn also in „Dokus“ irgendwelche Psychologen erzählen, dass die Chemtrail-Verschwörungstheorie die selektive Wahrnehmung nutzt, um auf die Streifen hinzuweisen: Ja, das war mal so. Vor Jahren. Heute ist es etwas mehr.

Ein anderer Grund für unterschiedliche Aussagen in dieser Verschwörungstheorie ist, dass irrationales Gedankengut auch übergreifend genutzt wird. Viele andere Richtungen wollen auch etwas von der Zielgruppe der Chemtrail-Gläubigen abhaben. Das sind zum Beispiel vor allem rechte bzw. extremistische Richtungen, die mit der angeblichen Bedrohung spielen, um Ängste zu erzeugen. Nicht umsonst gab es lange Zeit eine große Schnittmenge zu Rechten und „Reichsbürgern“, weil dort auch Angst das zentrale Element ist. Aber auch Esoteriker sind oft zu finden, die mit ihren Lehren auf Chemtrails reagieren wollen. Hier findet man sogar lustige Widersprüche - sind Cirren für normale Chemtrail-Gläubige Chemtrails, sind es für die Eso-Chemtrail-Gläubigen „Sylphen“, gute Wolken. Die einen wollen sie bekämpfen, die anderen erhalten. Usw. usf. - so trägt jede Richtung auch etwas von den Aussagen in die Chemtrail-Verschwörungstheorie hinein, die fördernd für die entsprechenden neuen Anhänger sein können.

Aber Vorsicht, auch hierbei gab es einen gewissen Wandel. Dadurch, dass Geoengineering tatsächlich ein öffentliches Thema ist, verfallen auch Leute dem Chemtrail-Glauben, die sonst ganz normal denken. Wichtig deshalb auch hier am Rande: Chemtrail-Gläubige sind nicht immer Spinner, im Gegenteil.

Zusammengefasst:

Bei der Chemtrail-Verschwörungstheorie geht es um die Erscheinungen am Himmel (und neuerdings auch andere Wettererscheinungen) und um das Klima. Punkt. Alles andere ist Beiwerk, das unterstützend verwendet wird oder aus Unkenntnis heraus entstand.

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