Können Streifen bei 70 % Feuchtigkeit entstehen?

Nicht verstandenes Sounding
Sounding als angeblicher Beleg,
dass es keine langen Streifen geben dürfte.
Quelle: facebook

Immer wieder liest man bei den Chemtrail-Gläubigen, dass sich lange Kondensstreifen nicht bilden dürften, weil Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit nicht entsprechend wären. Dazu gibt es manchmal noch Tabellen von Soundings, deren Sondendaten nicht mal von dort stammen, wo die Streifen zu sehen waren. Vor allem bei der Verwendung von Flightradaren wird auch oft nicht berücksichtigt, dass Zeiten in UTC angegeben und somit ganz anders als die der Sichtungen waren.

Es ist ein interessanter Versuch, Indizien für Chemtrail-Sprühereien zu finden. Allerdings zeigt dies jedoch nur, dass die Chemtrail-Gläubigen nicht nur Physik-, sondern auch Mathematikschwächen haben. Warum? Eine kleine Erklärung, bei der weniger Wert auf Fachbegriffe, sondern eher auf Verständlichkeit gelegt wird:

Zunächst sollte man wissen, dass kalte Luft weniger Wasser als warme Luft aufnehmen kann. Dieses Phänomen kann man immer wieder beobachten - ob am Spiegel, an Auspuffgasen, am Nebel, am eigenen Atem im Winter usw.

Zwar ist es bei der Betrachtung der Kondensstreifen in besonderem Maße von der Temperatur abhängig, wie viel Wasser durch die Luft aufgenommen werden kann, generell spielt aber auch der Luftdruck eine Rolle. Da dieser in der Höhe abnimmt und Schwankungen unterlegen ist, werden Höhen in der Meteorologie und in der Luftfahrt oft per Luftdruck angegeben, wie es auch in den Soundings der Fall ist. So basiert zum Beispiel das Flightlevel auf diesen Angaben, so finden wir diese Höhenangaben auch in meteorologischen Karten.

Wenn wir also sagen, dass es eine Abhängigkeit der Sättigung der Luft vom Luftdruck gibt, betrifft dies hier an dieser Stelle den Luftdruck als Höhenangabe und damit die Abhängigkeit von der i. d. R. damit abnehmenden Temperatur. Die Reisehöhen der Airliner-Jets befinden sich dabei in einem Bereich von ca. 300 - 200 hPa. Business-Jets fliegen manchmal darüber und es kann auch mal Bedingungen geben, bei denen tiefer geflogen wird. Es ist also nur ein grober Anhaltspunkt.

In der Höhe ist es kälter als am Boden

Reden wir nun über eine Temperatur in einer Höhe, gibt es keine Zweifel - die ist halt so. Es ist eine absolute Angabe, bei der es keine Interpretationen gibt. Allerdings darf man dabei nicht, wie es manchmal durch Chemtrail-Gläubige gemacht wird, vom Boden ausgehen. Bis zur Tropopause nimmt die Temperatur immer mehr ab, wobei es aber nicht stetig geht. Verschiedene Luftschichten zwischendurch können mal etwas wärmer sein, es kann Inversionen geben. Dennoch können wir davon ausgehen, dass es in Reisehöhe wesentlich kälter als am Boden ist - selbst wenn wir unten 30 °C haben, kann es in der Höhe -40 °C oder kälter sein.

Auf dem Foto sehen wir eine Anzeige in einem Flugzeug in einer Reisehöhe, das Foto wurde über Frankreich aufgenommen. Ob es am Boden auch so kalt war?

Unschärfer als die Temperatur ist jedoch der Ausdruck "relative Luftfeuchte". Hierzu müssen wir den Unterschied beachten, den eigentlich jeder in der Schule gelernt haben müsste: "relativ" bezeichnet nur einen Anteil, der keine konkrete Angabe des tatsächlichen Zustands ist - im Unterschied zu "absolut".

Wenn wir uns zum Beispiel einen Eimer nehmen, der 10 Liter fasst, und den zur Hälfte füllen, ist er zu 50 % gefüllt. Wenn wir ein Bierglas nehmen, in das 0,4 Liter passen, und das zur Hälfte füllen, ist es ebenfalls zu 50 % gefüllt. Beide Gefäße haben also eine relative Füllung von 50 %, während im Eimer 5 Liter sind, im Glas aber nur 0,2 Liter. Diese letzten Zahlen zeigen schon den Unterschied - hierbei handelt es sich um absolute Angaben, also um die Angaben, was wirklich im jeweiligen Gefäß ist. Und das ist bei der Luft ist es nicht anders.

Abnahme der zur Sättigung erforderlichen Feuchtigkeit mit der Temperatur
Je geringer die Temperatur, desto weniger
Feuchtigkeit ist zum Erreichen der 100 % erforderlich.

Reden wir von 50 % Luftfeuchtigkeit, drückt das nur aus, dass sie zur Hälfte "gefüllt", also gesättigt, ist. Wie viel Wasser tatsächlich enthalten ist und wie viel Wasser noch aufgenommen werden kann, wissen wir noch lange nicht. Diese Angabe ist also ohne das Wissen, was wirklich in die Luft "passt", erst mal völlig wertlos. Wir brauchen die absoluten Angaben, um eine Vorstellung davon zu bekommen.

Wie viel Wasser durch Luft aufgenommen werden kann, ist schon lange erforscht und es gibt dabei keine Zweifel. Es existiert ausreichend Material dazu, so zum Beispiel auch bei der Wikipedia. Tools zur Berechnung gibt es natürlich auch. Und hier sehen wir schon, dass kältere Luft wesentlich weniger Wasser aufnehmen kann; die Unterschiede sind drastisch.

In Zahlen ausgedrückt:

Bei 100 % relativer Luftfeuchtigkeit, also vollständiger Sättigung, sind in 1 m³ Luft
bei -40 °C 0,17 g Wasser enthalten,
bei 30 °C sind es 30,39 g.

Bei 70 % relativer Luftfeuchtigkeit sind
bei -40 °C 0,12 g Wasser enthalten,
bei 30 °C sind es 21,27 g.

Wir sehen also den Unterschied:

Bei 70 % relativer Luftfeuchtigkeit passen bei 30 °C noch über 9 g bis zur vollständigen Sättigung von 100 % hinein, bei -40 °C sind es nur noch 0,05 g. Ein mittleres Flugzeug mit zwei Triebwerken bringt aber pro Sekunde bereits 800 g Wasser aus.


Rebekka Krampitz erklärt den Zusammenhang von relativer und absoluter Luftfeuchtigkeit.

Das ist jedoch auch nur ein sehr grober Anhaltspunkt, denn die Vielfalt in der Fliegerei ist groß. So gibt es die Riesenflugzeuge wie A340, A380, Boeing 777, Boeing 747 usw., die natürlich eine ganze Menge mehr ausstoßen, als es bei mittleren und kleinen Jets der Fall ist. Dann kann ein Flugzeug im Leerlauf im Landeanflug sein, mit "normalem" Schub im Reiseflug, oder auch noch im Climb, also mit sehr viel Schub im Steigflug. All das und noch viel mehr muss bei dieser Betrachtung eigentlich berücksichtigt werden - wie natürlich auch die regionalen Schwankungen, die zum Beispiel für unterbrochene Streifen sorgen.

Um es nochmal für diejenigen Chemtrail-Gläubigen zusammenzufassen, die die Streifenbildung nur von Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit abhängig machen:

Bei -40 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 70 % fehlen 0,05 g Wasser pro m³ bis zur Sättigung von 100 %. Wenn es noch kälter ist, fehlt noch weniger Wasser bis zur Sättigung. Diese, zur Sättigung notwendige, Feuchtigkeit kann ein Jet locker zur Verfügung stellen.

Aussagen wie "es sind 100 % Luftfeuchtigkeit erforderlich" sind zwar richtig, allerdings muss man die eben auf der Grundlage sehen, dass die Luft in einem geringeren Luftdruck (also in größerer Höhe) weniger Wasser aufnehmen kann und dass bereits ein Jet durch seinen Ausstoß die zur Sättigung erforderliche Menge oft bereitstellt.


Rebekka Krampitz erklärt, was der Taupunkt ist und wie es sich mit wärmerer und kälterer Luft verhält.

Hier ist Literatur, falls sich jemand tiefgründiger mit der Materie befassen möchte:

26.09.2013 [⇧]